ALLEGRA E BAINVGNÜ IN ENGIADINA - Rennbericht 4. Engadin Radmarathon
Zernez, 12. Juli 2009
Florian Nimz und Sabine Arnold
Nun freue ich mich schon seit Wochen auf den Engadin-Radmarathon. Und was ist? Ich werde krank. Eine Erkältungswelle erwischt mich mit voller Breitseite – Halsschmerzen, Husten, Schnupfen – alles nicht für ein Rennen geeignet und an (Berg-)Training nicht zu denken. Kein Wunder bei dem Wetter in den letzen Wochen!!!
Trotzdem entscheide ich mich, mitzufahren in die Berge. Freue mich auf den Klimawechsel – das Münchner Wetter geht ja auf keine Kuhhaut. Jeden Tag Regen, Regen, Regen… Vielleicht entscheide ich mich am Samstag dann doch noch kurzfristig für die Nachmeldung – mal sehen, wie es mir bis dahin geht. Sonst feuere ich die Anderen (außer mir sind Caro, Flo und Roberto am Start) halt einfach nur an.
Samstag Vormittag geht es dann los. Die Anfahrtszeit nach Zernez gestaltet sich je nach gewählter Route sehr unterschiedlich. Über die Salzburger Autobahn – mit fettem Stau – dauert das ganze mehr als sechs Stunden (ich beneide Caro und Flo nicht), über Garmisch gibt es zwar einen kleinen Stau, aber in 3 ½ Stunden ist es geschafft und es bleibt sogar noch Zeit für ein lockeres Einrollen und das Erkunden der Gegend. Wir wollen auch ein Stück der Strecke erkunden. Als sich direkt hinter dem Start gleich der Ofenpass in die Höhe windet, entscheiden wir uns dazu, uns dieser Herausforderung erst morgen zu stellen. Trotz des schrecklichen Anblicks entscheide ich mich dazu nachzumelden und teilzunehmen. Nur die Harten kommen in den Garten!!!
Am frühen Abend treffen wir uns alle zur Startnummern-Abholung (und Nachmeldung) und zur obligatorischen Pasta-Party. Da treffen wir dann noch Chris Crantz, die auch am Start sein wird. Wegen der frühen Startzeit und weil die Temperaturen nicht wirklich zum draußen sitzen einladen, breche ich früh zu meinem Hotelzimmer auf. Dort ist das psychedelisch flackernde Licht, das später gar nicht mehr funktionierte, zum Glück inzwischen repariert. An das schrecklich schmale Schrankbett, das man auch bei Bedarf einklappen kann (wozu das?), kann ich mich allerdings nur schwer gewöhnen. Naja für die Nacht wird es wohl gehen. Ist das der Standard in ***-Hotels? Wohlwollend blicke ich auch darüber hinweg, dass ich für die Zahlung mit Kreditkarte eine Gebühr zahlen muss (ist das Zimmer nicht für den gebotenen Standard sowieso schon teuer genug?)
Am Sonntag früh um 5:20 Uhr schrillt der Wecker. Wer ist denn auf die Schnapsidee gekommen, hier teilzunehmen? Ich will wieder ins Bett. Erste Zweifel kommen auf ob ich wirklich gesund genug bin… Beim Frühstück im warmen Frühstücksraum, der glücklicherweise ab 5:45 Uhr für uns geöffnet ist, denke ich an Flo und Caro, die die Nacht im Zelt verbracht haben und genau dort auch wahrscheinlich gerade ihr Frühstück zu sich nehmen. Ich beneide sie wieder nicht.
Pünktlich stehen wir in den verschiedenen Startblöcken (gut verteilt auf Block Nr. 1, 2 und 3) und warten bibbernd bei 6 Grad auf den Startschuss, der pünktlich um 7:00 Uhr fällt und das Feld in Bewegung setzt. Flo rollt an mir vorbei und wir wünschen uns noch ein gutes Rennen, die anderen sehe ich leider nicht (Roberto ist im Startblock vor, Caro hinter mir). Es dauert nur wenige Minuten und die erste Herausforderung lässt nicht mehr auf sich warten. Der Ofenpass ragt vor mir auf. Mein Puls rast. Ich fahre schon hier das erste Mal am Limit und denke ernsthaft über das Aufgeben nach. Wenn ich schon hier schlapp mache, wie soll das dann erst bei den beiden anderen Pässen werden, die im Höhenprofil noch deutlich steiler aussehen (oder ist das im Plan doch nicht maßstabsgerecht eingezeichnet?). Nur der Gedanke, in Zernez in der Kälte auf die Ankunft der Anderen zu warten und meine bergwärts strebenden Mitstreiter, halten mich von der Umkehr ab. Tapfer kurble ich Kilometer um Kilometer dem Ziel entgegen. Der Tunnel und die ersten Kilometer nach Livigno gestalten sich problemlos, ich hänge mich an eine kleine Gruppe ran, bis wir den Ort erreichen.
Tja, das mit dem zollfreien Einkauf wird wohl nichts… Nicht nur, dass ich meinen Rucksack vergessen habe – die Geschäfte sind um diese Uhrzeit noch gar nicht geöffnet. Es ist gerade mal gegen 8 Uhr.
Hinter dem Ort wird es wieder steiler. Ohne jede Serpentine geht es konstant rauf bis auf 2.300 m. Ich zwänge mir widerwillig das zweite Gel rein, denn es liegt noch eine Menge Anstrengung vor mir. Einen knappen Kilometer vorm Ziel bekomme ich Hilfe. Ein netter Mensch schiebt mich von hinten an, lächelt mich an und feuert mich mit den Worten „nur noch ein Kilometer“ an. Von der Passhöhe geht es rasant ins Tal. Ein Bus ist schnell überholt. Eine rote Baustellenampel bremst uns kurz aus, aber dann geht es in schneller Fahrt weiter, bis sich – oh Graus – der nächste Berg vor uns auftut. Als letzten Berg (ich habe mich für die kurze 97 km-Strecke entschieden) gilt es nun noch den Bernina zu überwinden. In Kehren mit bis zu 10% Steigung windet er sich wieder hinauf bis auf über 2.300 m und er tut richtig weh. Ich erinnere mich wehmütig an die Zugfahrt mit dem Bernina-Express vor einigen Jahren, die war weniger anstrengend… Oben angekommen realisiere ich, dass es jetzt, abgesehen von ein paar nicht erwähnenswerten Wellen, 50 km nur noch talwärts geht. Die Fahrt nimmt Tempo auf. Nun heißt es, die richtige Gruppe zu finden. Das gelingt mir ganz gut und wir nehmen die letzten paar Kilometer unter die Räder. In der Gruppe treffe ich auch meinen Helfer von der Forcola wieder. Die Fahrt geht immer schneller Richtung Zernez und ich atme auf, als ich Zuoz erblicke. Von hier bin ich morgens aufgebrochen, es ist nicht mehr weit!
Nach 3:51.22 überquere ich die Ziellinie. Lande, obwohl ich so angeschlagen bin und ewig nicht trainiert habe, im Mittelfeld und bin zufrieden und ziemlich platt. Kurz nach mir kommt Caro ins Ziel ihres ersten Radmarathons – tolle Leistung! (Roberto ist schon längst da und sogar schon umgezogen, als ich ankomme).
Ich muss an Flo und Chris denken, die von hier aus noch 114 km und rund 2.500 Höhenmeter vor sich haben. Für mich heute eine fürchterliche Vorstellung.
Nach insgesamt 8:14.52 bzw. 7:33.04 sind auch sie im Ziel. Chris als 1. Ihrer Altersklasse und Flo mit einem für ihn zufriedenstellenden Ergebnis. Herzlichen Glückwunsch an dieser Stelle!
Auch mein drittes Rennen in den Bergen war wieder ein Erlebnis. Es macht riesigen Spaß! Und insgesamt war das nun mein sechstes Rennen. Dabei war ich doch diejenige, die damals bei der Frage, an wie vielen Rennen sie teilnehmen möchte, gesagt hat: „Naja, so eines oder zwei zum Ausprobieren“. Und genau dieses eine Rennen, das der Test sein sollte, findet erst im August statt (Vattenfall Cyclassics). Ich bin vom Rennfieber (vor allem in den Bergen) infiziert!
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