Rund um die Braunkohle – aber schnell!
Leipzig, 01.06.2009
Katja Hohbein
Endlich ist es soweit. Inmitten von einem etwa hundert Mann (die drei Frauen mit eingerechnet) starken Block stehe ich an einem Gatter, welches die Startblöcke C und B voneinander trennt. Momentan frage ich mich nicht mehr, ob ich mich bei der geschätzten Durchschnittsgeschwindigkeit nicht doch vertan habe, ob ich ausreichend gefrühstückt habe, ob das Training der letzten Wochen seinen Zweck heute erfüllen wird, ob… - ach, genug der Fragen, irgendwie werde ich schon ankommen.
Pünktlich um 9:15 Uhr darf Block A starten, einige meiner Chariteamkollegen aus München sind mit ihren CANNONDALES also schon "on the road". Bis wir uns in Block C auch endlich auf die Sättel schwingen dürfen vergehen, unter lautstarken Unwohlbekundungen einiger Teilnehmer aus den hinteren Startblöcken über eben jene Praxis der verzögerten Starts, wertvolle Minuten. Macht ja nix, die holen wir auf den ersten 25km ganz locker wieder ein. Nach dem raketengleichen Start wird ein für mich sehr gewöhnungsbedürftiges Tempo zwischen 45 und 49km/h vorgelegt. Ich habe meine liebe Not damit und versuche mit hoher Tritt- und außerordentlich hoher Pulsfrequenz das Hinterrad meines Vordermannes zu halten. Irgendwie fliege ich mit, schnell sind wir aus dem ehemaligen Braunkohleförderort Zwenkau raus und gleiten als homogene Masse auf der gesperrten B95 in Richtung Norden, Leipzig.
Wie lang das Feld sich vor mir erstreckt bekomme ich gar nicht recht mit, ich schaue gebannt auf die vor mir dahinfliegenden Waden, viele von ihnen bestückt mit den zunehmend beliebter werdenden Kompressionsstrümpfen. Wir sind also mit unseren einheitlichen Energizer Strümpfen und Spykern (für eine gefäßoptimierte Kompression sowie Kühlung der Wadenmuskulatur) von X-SOCKS nicht nur funktional bestens ausgestattet sondern auch modisch ziemlich im Trend. Auf einmal scherbelt es neben mir, alles ringsum ruft "Sturz!" und einige Meter weiter rechts kommt irgendjemand irgendwie zum Stehen oder auch Liegen. Hinter mir ruft es laut "Fahr zu!", also wieder ab an's Hinterrad und kurz darauf biegt der Tross nach rechts zum Markkleeberger See. Langsam beginne ich mich mit dem hohen Tempo abzufinden und stelle mich auf schwere Stunden ein.
Die erste Steigung streckt das Feld nur unwesentlich, bis hinter Grimma wird kaum Geschwindigkeit rausgenommen, echte Gruppen kommen nicht zustande, alles riecht mir sehr nach reiner Tempojagd und ich habe berechtigte Zweifel diesen Schnitt noch allzu lange halten zu können. Wir überqueren die Mulde und in Golzern wartet die erste Selektion. Die Frage "Wer hat die Straße an die Wand genagelt?" trifft den 2km Anstieg mit teilweise 15% Steigung genau, aber hier finde ich meinen Tritt und komme ganz gut oben an.
Die Stimmung am Straßenrand tut ihr Übriges, selbst in den kleinsten Ortschaften haben es sich die Leute an diesem Pfingstmontag mit Gartenstühlen vor den Höfen bequem gemacht. Es wird gejubelt, geklatscht, aus Leibeskräften feuern uns Jung und Alt aus vollen Kehlen an oder schlagen mit Kellen auf leeres Kochgeschirr. Innerlich genieße ich gerade diese ausnahmslos positive Resonanz auf den Rennradsport - ein großes Dankeschön an all die Menschen an der Strasse - das verleiht regelrecht Flügel.
Zurück zur Strecke, nach diesem ersten Anstieg gestaltet sich die Landschaft weiterhin insbesondere um den Thümmlitzwald reizvoll, weil hügelig. Up and Downs nicht nur auf der Strecke sondern auch was die Gruppenbildung angeht. Diese findet nämlich per definitonem leider gar nicht statt. Hartnäckig versuche ich am Hinterrad meines Vorgängers kleben zu bleiben, streckenweise kämpfen wir uns allein gegen den schräg von vorn kommenden Wind, teils in einer kleinen Vierergruppe, selten mal auch zu sechst. Sobald ein paar mehr Fahrer zusammenkommen reihen sich alle wie eine lange Perlenschnur auf. So komme ich nicht wirklich in den Genuss mal für einige Minuten im Schutz einer Gruppe die Beine fallen lassen zu können, zumal diese sich für die ungewohnte Intensität der Bewegung mit Krämpfen bedanken. Also schüttele ich aus und trinke soviel es geht, befehle meinen unteren Extremitäten bedingungslosen Gehorsam und stelle mir vor, wie ich den Rest des Tages nur noch sitzend im Gartenstuhl verbringen werde. Diese Gedanken, eine Portion Ehrgeiz und die flotte Bedienung am "flying buffet" bei Kilometer 77 bringen mich auch über die letzten Huckel.
Das Terrain wird ab Gestewitz – 20 Kilometer vor dem Ziel – wieder einsehbarer und die engen Kurven in den Orten seltener. Und so schieben sich die Jedermänner und –frauen wieder etwas zusammen. Die Strassen werden mit Kurs auf Zwenkau ebenso wie das Fahrerfeld zunehmend breiter. Es wird noch mal Tempo gemacht, in einigen Ecken im Feld befürchte ich durch nachlassende Konzentration eine erhöhte Sturzgefahr, also suche ich mir wieder ein stabiles Hinterrad. Unverhofft werde ich durch ein von meinem Nebenmann an mich gerichtetes "Los, jetzt kämpfe!" zur finalen Mobilisierung angeregt. Diese Äußerung trifft ziemlich gut die Mentalität der Teilnehmer an diesem Rennen, alles in allem ziemlich viele nette Leute hier im Peloton, es wird sehr umsichtig und fair gefahren, Kreuzungen werden angezeigt und in Kurven nicht geschnitten. Da fühle sogar ich mich als blutiger Anfänger recht sicher und feile an meiner "Sehr-schnell-um-die-Kurvenfahrtechnik".
Wie ein Hochgeschwindigkeitszug fahren wir in Zwenkau ein, nach 3:35h sind 125 Kilometer rum. Die Zuschauer klatschen, es wird gerasselt was das Zeug hält, die Stimme des Moderators am Ziel überschlägt sich – zusammen mit meinem (körpereigenen!) Adrenalin eine einmalige Gänsehautsituation! Hätte ich noch Körperflüssigkeit übrig wäre bestimmt vor lauter Überwältigung ein Tränchen gerollt.
Nach und nach finden sich alle Chariteammitglieder zusammen, geschlossen verfolgen wir die Zieleinfahrt der 70km Jedermänner und –frauen. Anschließend gibt es noch etwas Zeit uns auszutauschen, wir posieren jubilierend unter wolkenlosem Himmel für ein Gruppenfoto und dann geht es für die meisten zurück ins Hotel und anschließend nach München. Und ich verbringe den restlichen Nachmittag mit ausgestreckten Beinen in einem Liegestuhl im Garten.
Kurzum: 17 Teammitglieder sind bei dem Sächsischen Klassiker am Pfingstmontag für das Münchner Chariteam und den Chariteampartner, die Initiative HORIZONT e.V., gestartet. Unsere CANNONDALE Räder haben es mit Denis sogar auf's Podium geschafft. Das IBIS Hotel in Taucha ermöglichte uns die Übernachtung vor Ort, das Team ist erstmals mit Helmen und Brillen von ALPINA gestartet und unterwegs sorgten die Energieriegel und –gels von ULTRA SPORTS für das notwendige Durchhaltevermögen. Ein großes Dankeschön geht an dieser Stelle auch an HERTZ für die Bereitstellung des Transporters sowie an alle helfenden Hände für einen unvergesslichen Tag!




