Einmal Hölle und zurück
oder: Morgens um Sieben ist die Welt noch in Ordnung
Nürburgring, 01. August 2009
Clemens Wachter
Morgendämmerung und ein Himmel wie kalter Haferschleim. Dennoch kündigte sich ein herrlicher Tag an, der in der „Grünen Hölle“ seinen Höhepunkt finden sollte.
600 km Autobahn und der übliche Stau der Reisezeit konnte uns nicht daran hintern in die Eifel zu fahren um den Cross-Over zu erleben. Dort, wo sonst die Motoren hochgezüchteter Rennwagen oder von Motorrädern dröhnen, Hobby Caracciolas ihre rennfahrerischen Grenzen ausloten, sollte es ein Wochenende lang ruhiger zugehen. Einzig das leise surren gut geölter Ketten oder das wimmernde Summen der Aerolaufräder sollte die nachhaltige Stille der Vulkaneifel stören. Stille…, da habe ich wohl das angestrengte Atmen der Rennradler in den Steigungen vergessen. Und so ganz ohne Geruchsbelästigung ging es dann doch nicht von statten. Aber anstatt dem sonst vorherrschenden Gestank nach Benzin und verbranntem Gummi lag an diesem Wochenende der zarte Duft von Massageöl, Cremes, Salben oder Deo in der Luft. Von dem lieblichen Geruch der zahlreichen Grills im Fahrerlager mag ich erst gar nicht sprechen…
Endlich auf dem Parkplatz direkt hinter der Haupttribüne angekommen, beschleicht uns spätestens jetzt das übliche Rennfieber. Nervöse Witze und erhöhter Blutdruck bei dem Einen, kalte Hände bei der Anderen. Das Ganze kumulierte in dem unter Radlern üblichen herunterspielen der eigenen Trainingsvorbereitung, dem aufwärmen von Heldentaten aus längst vergangener Zeit. Ein unerschöpflicher Fundus für Beobachtungen für einen Ethologen.
Mittlerweile etwas unter Zeitdruck haben wir unsere Cannondale Renner aufgebaut, Wasser abgelassen und die Reifen ausgepumpt, den einzig zugelassenen Treibstoff in Form von Energiegels verteilt und alle scharren mit den Pedalplatten. Wann geht es endlich los?! Glücklicherweise hatte sich Jürgen bereit erklärt, die Startunterlagen schon vorher abzuholen. Also her mit den Transpondern, die Startnummern aufs Trikot und Rad geheftet und schon stand das Team im einheitlichen Outfit da. Tina Maluche, Stephan Fieger, Jürgen Trapp, Stefan Rutz und ich sind bereit für die Herausforderung des Tages. Ist schon ein berauschendes Feeling in den neuen Teamtrikots des Chariteams München von Sugoi an den Start zu rollen.
Dann der Erste Kontakt mit der Strecke. Start-/Zielgerade. Schauen, Vibrations aufnehmen, nicht mit anderen zusammenstoßen…. Noch ein paar Kilometer einrollen, sich mit den Örtlichkeiten vertraut machen, die Suche nach dem Startblock; bei jedem Rennen dasselbe Ritual. Aber der Asphalt ist griffig, das Wetter bestens, sonnig und trocken, was will man mehr. Nach der ersten Probeabfahrt und dem anschließenden Klettern zurück zur Ausgangshöhe geht es in den Startblock. Dort angekommen und ein paar Riegel von Ultrasport später (während des Rennens ist keine Zeit mehr für feste Nahrung. Kauen an der Leistungsgrenze ist echt schwierig) kündigt sich der Start an. Letzte Interviews des Rundensprechers und die Ersten Blöcke werden auf die Reise geschickt. In den Letzten Minuten vor dem Start wird jeder im Block nervös. Wann geht es endlich los? Komme ich gut durch die Anfangsphase? Wie schlimm sind die Steigungen auf der zweiten Hälfte der Runde? Stimmt die Vorbereitung? Die Form?
Das letzte Gel wird in den Hals gedrückt, Schuhplatten rasten ein, die Kurbeln werden in Position gebracht…. Endlich fahren die ersten im Startblock los und die Hatz beginnt.
Startgerade, volle Pulle, 180 Grad Rechtskurve bergab, dann sofort bergauf. Ziemlich knifflig, wenn mehrere hundert ehrgeizige Rennradler mit noch voller Kraft die Ideallinie suchen.
Der einzige Gedanke: nur nicht stürzen und die passende Lücke suchen und finden. Im Sprint geht es immer weiter bergauf. Nimmt die Steigung denn gar kein Ende? Der Puls hämmert, dann endlich die Kuppe, links ab und die rasende Abfahrt beginnt. Die Tachoanzeige schnellt auf 60 bald 70 km/h. Kette rechts, mit treten ist kaum mehr möglich. Traumgeschwindigkeiten für einen Radler in der Ebene. Dann der erste Gegenanstieg. Verdammt!! Die Kette ist ja immer noch rechts! Erst mal durch die Gänge wühlen, nur keinen Schwung verlieren. Endlich ist die Kuppe überfahren und die rasende Abfahrt geht weiter. Wieder tief über den Lenker beugen, Fahrt aufnehmen, nur keine Position einbüßen. Allerdings ist das Feld noch relativ dicht beieinander. Daher die Abfahrt etwas gemächlicher angehen? Die Bilder vom Sturz von Jens Voigt bei der Tour sind noch im Hinterkopf. Der Tacho zeigt plötzlich 80, dann 90 km/h. Vielleicht doch etwas aufrichten? Irgendwie ist man doch nicht an diese Geschwindigkeiten gewöhnt. Aber die Gewissheit, dass es keinen Gegen- und Querverkehr gibt (ist ja eine Rennstrecke) und der Umstand, dass die Reifen bis 120 km/h zugelassen sind, beruhigt dann doch. Das Schild „11 km“ fliegt vorbei. Die Talsohle ist erreicht. Jetzt geht es bergan, zurück zu Start und Ziel. Und das ziemlich knackig mit Steigungsprozenten im teilweise deutlich 2-stelligen Bereich. Noch im ersten Anstieg höre ich, wie 2 „alte Hasen“ der Nordschleife flachsen: „Das waren die ersten 11 km, jetzt kommen die 13 anderen“. Und was soll ich sagen, sie haben recht behalten. Die Luft scheint zu stehen, es ist heiß, die Sonne brennt und der Lindwurm der Radler windet sich langsam Richtung „Hohe Acht“. Endlich ist auch die letzte Rampe vor der „Hohen Acht“ überwunden. Die ersten sind abgestiegen und schieben das letzte Stück. Jetzt geht es leicht wellig die nächsten Kilometer dahin, bis sich eine lange Gegengerade (natürlich mit Gegenwind) vor einem auftut. Zum Glück erwische ich eine Gruppe und kann so relativ kraftsparend die Strecke zu Start und Ziel zurücklegen. Auf der Zielgeraden fällt mir auf, dass noch ca. 50 km vor mir liegen. Noch 2-mal Hölle und zurück. Aber die Aussicht auf die bevorstehende rasende Abfahrt verjagt diese Gedanken sofort.
Auf dem Weg durch das Fahrerlager für das 24h Rennen und die anderen Rennen des Wochenendes steigt einem der verlockende Geruch von frisch Gegrillten in die Nase. Aber noch ist der Ehrgeiz zu groß, um sich wirklich ablenken zu lassen. Dann beginnt die zweite Abfahrt. Das Feld ist weit auseinandergezogen und man hat richtig Platz auf der Strecke. Also die Ohren anlegen und die Ideallinie gesucht. Aus der ersten Runde weiß man auch noch ungefähr, wann die giftigen Gegenanstiege kommen. Wie in einem Rausch geht es dahin. Der Tacho überspringt locker die 90 km/h Marke. Das infernalische Knattern des Windes in den Ohren wird schier unerträglich. Über 93 km/h zeigt der Tacho. Wahnsinn!! Dann beginnen wieder die anderen 13 km der Runde. Beißen, beißen und drücken. Sich Fixpunkte im Feld suchen und geben was geht. An der Verpflegungsstelle tanke ich Wasser nach. Nach essen steht mir nicht mehr der Sinn. Nur die Gels drücke ich mir regelmäßig rein. Ohne Mampf kein Kampf. Aber ich kann mir besseres als ein Gel vorstellen. Endlich kommt die lange Gegenwindgerade in Sicht. Und wieder habe ich das Glück eine Gruppe und etwas Windschatten zu finden.
Ende der zweiten Runde halt mir die Nordschleife ihre Züge ins Gesicht gemeißelt. Zum Glück gibt es keinen Spiegel.
Die dritte Runde. Eigentlich wäre es vernünftig zu sagen, das war´s, ich trainiere etwas viel mehr und komme nächstes Jahr wieder. Aber das gibt’s nicht. Solange die Beine noch treten können, geht es weiter. Wieder durchs Fahrerlager und diesmal riechen die Würstchen richtig verlockend. Party, wo man hinschaut und noch 25 km und 500 Höhenmeter bis zum Bier.
Nach der wieder berauschenden Abfahrt kommt die Ernüchterung auf dem Anstieg zurück zu Start und Ziel. Aber irgendwie bringe ich die fehlenden Kilometer noch hinter mich und bin froh, dass ich es ohne Sturz geschafft habe.
Nach der Ziellinie biege ich in die Boxengasse ab und steuere zielsicher auf den Weißbierstand einer Brauerei aus dem Münchener Umland zu und hole mir das erste Weißbier, natürlich alkoholfrei. Es verdunstet quasi auf der Stelle. Dann zum vereinbarten Treffpunkt an dem wir Chariteamler uns treffen wollten. Nach der 2. alkoholfreien Weißen sieht die Welt schon wieder ganz anders aus. Zufriedenes Grinsen überall. Was für ein herrlicher Tag. Nachdem wir wieder komplett sind, geht es zurück zum Teambus, den HERTZ uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat und der geduldig auf uns wartet.
Wir entscheiden uns, erst in meine alte Heimat zu fahren und dann in Weinheim einen Boxenstopp einzulegen. Der Marktplatz versöhnt optisch und kulinarisch für die Strapazen des Tages. Obwohl der eine oder andere gerne noch ein Bier oder ein Viertele getrunken hätte, musste der Teambus zurück nach München. Denn dort wurde er schon sehnsüchtig erwartet, um andere Chariteamler nach Freiburg zu dem Rennen am Sonntag zu bringen.
Aber das ist eine andere Geschichte…




