Rund um die Nürnberger Altstadt

Nürnberg, 13.09.2009
Stefan Rutz

München, 13.09.2009, 4:30 ganz München schläft! Ganz München?? Nein, ein kleines Grüppchen nimmermüder Chariteamler, versammelt sich mit recht verschlafen wirkenden Augen am Parkplatz Studentenstadt, um sich nach Nürnberg aufzumachen.

Eigentlich wollten wir gemeinsam mit dem von unserem Partner Hertz zur Verfügung gestellten Teambus ins ferne Frankenland aufbrechen. Jedoch vergaß meine Wenigkeit vor lauter Radl schrauben, ölen und putzen (wie immer auf den letzten Drücker ) die Zeit und stand anschließend mit 2,5 Stunden Verspätung vor verschlossen Toren der Hertz-Station. Ja, da stand er nun der dumme Tor und ward so klug wie je zu vor!!! Mal vorher nach den Öffnungszeiten erkundigen wäre nicht schlecht gewesen! In diesem Zuge möchte ich mich noch bei den Mitarbeitern von Hertz in der Landsbergerstraße entschuldigen, da diese zum Wohle des Chariteams München noch ihren wohlverdienten Feierabend vergebens um 1,5 Stunden verschoben hatten.

Jetzt war Teamarbeit mal abseits der Rennstrecke gefragt und dank Martin und Nick konnte das kleine Grüppchen Rennradler doch noch pünktlich in aller Herrgottsfrüh gen Weißwurschtäquator aufbrechen. Nachdem die Nacht allmählich wich und unsere vom Schlafentzug benebelten Köpfe klarer wurden, desto düsterer wurden die Aussichten wenn sich unsere Blicke zum Himmel wandten. Wolken, überall Wolken. Ein schier unendlich wirkender Wolkenteppich zog sich bis hin zum auch nur erahnbaren Horizont. Das wird doch hoffentlich bei diesen frühherbstlichen Temperaturen kein Regenrennen werden?!? Aber umso näher wir der Frankenmetropole kamen, umso schöner wurden die Aussichten. In Nürnberg angelangt, wurden zunächst mal unsere Heiligtümer zusammengeschraubt, Luftdruck: 8 Bar alles klar. „A bissi frisch wars scho, muas I song“ und so kamen das erste mal die Ärmlinge, Beinlinge, Überschuhe und Windwesten unseres Teamklamotten-Partners Sugoi zum Einsatz. Schick, Schick kann ich da nur sagen.

Um die Startunterlagen hat sich diesmal liebenswürdigerweise Andreas gekümmert. So konnte sich das komplette Team (4 Sicherheitsnadeln und 2 Kabelbinder später) pünktlich im Startblock B einreihen. Noch mal kurz den üblichen Ritualen widmen: Ultrasportriegel reinziehn, Transponder zurechtrücken, allen Teammitgliedern viel Glück wünschen. Die Ultrasport-Flaschen sind wohl gefüllt, der Tacho ist resettet, der Helm sitzt, ein Blick zum Himmel, herrlichste Morgensonne, meine neue Alpina-Sonnenbrille wäre jetzt nicht schlecht: NEINNNN!!!! (In Martins Auto liegt sie gut…) Das Geräusch der einklickenden Pedale kommt immer näher, ok da gibt’s wohl nur eins: AUGEN ZU UND DURCH!!

Der Tross beginnt sich nervös in Bewegung zu setzen, die schnelleren Fahrer versuchen auf der breiten Start/Ziel-Gerade ein paar Meter gut zumachen. Doch gleich zu Beginn geht es steil hoch zum Burgberg und die Spreu trennt sich recht fix vom Weizen. Ich sehe ein paar bunte Chariteamtrikots aufleuchten die mich anspornen dran zu bleiben. So finde ich mit Mühe und Not, Anschluss an eine Gruppe, in der sich auch Jürgen, Jens und Thomas befinden. Ok, geschafft, erstmal meinen hohen Puls wieder runterfahren. Es warten schließlich noch sechs weitere Runden darauf bezwungen zu werden. Der Streckenverlauf ist anspruchsvoll. Scharfe Kurven, Fahrbahnverengungen und ein kleines Stückchen Kopfsteinpflaster lassen das Rennen nicht langweilig werden. In der 3. Runde genieße ich den Windschatten und registriere das erste Mal bewusst die Umgebung. Ich nehme mir die Zeit um ein paar kurze Blicke auf die idyllische Nürnberger Altstadt und ihre Sehenswürdigkeiten zu erhaschen.

Zur Mitte des Rennens (Runden 4 und 5) positioniere ich mich während der Durchfahrten des Start/Zielbereichs an der Spitze unserer Gruppe um unser schönes Trikot im vollen Glanz der Vormittags-Sonne erstrahlen zu lassen und nebenbei natürlich noch etwas fürs Tempo zu tun. Doch so ein bisschen Führungsarbeit geht heftig in die Beine, vor allem bei meiner Kondition. Also wieder runter von Gas, in Jürgens Windschatten `rein und Körner für die letzte Runde sparen.

Die letzte Runde beginnt und wir werden wieder schneller. Ich halte mich geschickt im Hintergrund des Pelotons und sehe noch, dass wir uns einer langsameren Gruppe nähern. Doch volle Konzentration auf die Fahrbahnverengung und den darauf folgenden Anstieg. Das Klicken und Schnarren der unzähligen Schaltungen wird lauter, gleich haben wir die letzte harte Passage hinter uns. Doch da, von rechts ein Schrei! Ein Schlag reißt mich zur Seite, meine Ultrasportflaschen segeln an mir vorbei und ich mache erst einmal Bekanntschaft mit dem unangenehmen Nürnberger Asphalt. Was nun? Die nächsten Rennteilnehmer sind schon am Anrauschen. Schnell aus dem Weg! Ich kann stehen, gut. Der Kopf ist noch dran, ja. Wie geht es meinem Bike? Oh, alles etwas verbogen, ach egal, Kette wieder drauf, Bremsen zurechtgebogen und zumindest ins Ziel kommen. Dabei sein ist ja schließlich alles! Also schnell wieder aufsteigen und weiter. Die ersten Tritte schmerzen, aber es geht, Adrenalin sei Dank. Doch was war das für ein Geräusch und warum bewegen sich meine Beine nicht mehr? Ein Blick nach unten: das Einzige was ich von meiner Schaltung noch sehe ist der Umwerfer beim Versuch mich zu überholen. „Rien ne va plus“ waren seine letzten Worte! So blieb mir leider nichts weiter übrig, als meine Wunden von den Sanitätern versorgen zu lassen und auf den berühmt-berüchtigten BESENWAGEN zu warten. Während der Rückfahrt zum Ziel wurde ich dann wenigstens noch um die Erkenntnis reicher, wie viel Glück im Unglück ich doch hatte: von einem Rennteilnehmer konnte nur noch das Bike eingeladen werden. Der Fahrer selbst war bereits auf dem Weg ins Krankenhaus. Nachdem ich die unendlich lang wirkende Zielgerade mit dem Rad auf den Schultern gemeistert hatte, wurde ich mit aufmunternden Worten vom Team empfangen. Der Blick in die glücklichen Gesichter des Chariteams und deren mitfühlenden Worte, ließen mich meine Schmerzen dann auch fast vollends wieder vergessen.

Rückblickend auf dieses Wochenende hat sich bei mir dennoch das Sprichwort: „ Ein Unglück kommt selten allein“ wieder einmal bewahrheitet. Doch es hat mir, auch dank unseres tollen Teams, nicht die Lust am Radrennsport genommen und so freue ich mich schon jetzt, in der Saison 2010 für das Chariteam München an den Start zu gehen.

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